19. Juni 2026

Lieblingsorte

Es hat zehn Jahre gedauert. Jetzt bin ich endlich auf Vlieland.

3 Min. Lesezeit Vlieland 053°18′N · 005°05′E

Vor recht genau zehn Jahren bin ich über ein Video zum ersten Mal auf Vlieland aufmerksam geworden. Seitdem war der Name, die Insel im Kopf und jetzt endlich bin ich hier. Ich bin froh, endlich hier zu sein, ein Lieblingsort. Die Suche nach Lieblingsorten. Vielleicht ist das eine passende Umschreibung meines Reisens. Jean, mein ehemaliger Mitbewohner in Montpellier, hat es mir vorgelebt: Reiseführer, braucht es nicht. Mehr noch: Ich will sie nicht. Eine Karte, eine Idee und dann einfach selbst erkunden, Orte finden. Ganz bewusst auf die kanonisierte Erfahrung von Sehenswürdigkeiten verzichten, die Reiseführer versprechen. Dagegen steht die Ungewissheit der Erfahrung. Mal sehen, was kommt. Vielleicht kommt nichts. Und dann passiert doch die bleibende Erfahrung. Meine zwei Lieblingsinseln, Fårö bei Gotland (nicht die Färöer) und Anholt im Kattegat kamen mir so über den Weg. Beides keine Geheimtipps im Wortsinn. Beides auch keine Geheimtipps, die in Büchern mit Millionenauflage als „must see“ angepriesen werden. Beides Lieblingsorte für mich wegen der Natur, die ich dort gefunden habe und der Menschen, denen ich dort begegnet bin. Und jetzt also Vlieland.

In Harlingen war der Aufbruch durch die Gezeiten bestimmt. Der Schlag hierher war schön und unaufgeregt. Wie im Watt üblich: Das Wasser, so weit das Auge reicht. Doch nur recht schmale Wasser sind tief genug, um sie zu befahren. Von Harlingen nach Norden ist der Strom kräftig mit mir, nach der nördlichen Rundung des großen Flachs vor Vlieland, bei der Anfahrt zur Insel ist der Strom mit fast drei Knoten gegen mich. Für das Auge sieht es aus, als ob die Tonnen zur Begrenzung des Fahrwassers mit über drei Knoten durchs Wasser schieben und man selbst nur mit zweieinhalb Knoten an ihnen vorbeischleicht. Es ist nur ein kurzes Stück gegen den Strom. Beim Hafen ist der Strom dann quer zur Hafeneinfahrt. Alles normal in Gezeitenrevieren, aber wie schon in Cuxhaven heißt es auch hier, das Boot nicht gerade auf die Einfahrt zufahren zu lassen, da man sonst wegen des Stroms neben der Einfahrt landete. Gute 30° vorhalten, um die Einfahrt auch wirklich zu treffen. In der Hafeneinfahrt ist der Strom sofort weg; der Hafenmeister sagt mir, wo ich einen Liegeplatz finde, und das Anlegen ist maximal unspektakulär.

In der Marina sind fast nur niederländische Boote. Ein paar deutsche und vereinzelte belgische und britische Boote, sogar ein Boot aus Norwegen mischen sich dazwischen. Die Marina ist groß, die Insel lebt vom Tourismus. Sobald man sich aufs Rad schwingt und Richtung Strand fährt, ist man aber praktisch alleine. Der Strand … wie – glaube ich – bei allen friesischen Inseln einfach riesig, wunderschön, feiner Sand, Dünen, südlich des eigentlichen Strands ein riesiges Vogelbrutgebiet. Am Strand sehe ich dann auch mehr Vogelkolonien als Menschen.

Am Strand. Nur das. Nicht mehr.

Mir scheint es, als ob alle, die hierher kommen, nur drei Dinge tun: Mit dem Rad auf der Insel umherfahren, einfach irgendwo im Wind am Strand liegen, schlafen, lesen, träumen, dem Meer und den Vögeln lauschen oder aber stundenlang am Strand spazieren. Nicht die Ursprünglichkeit Fårös, nicht die Abgeschiedenheit Anholts mit seinen 134 Einwohnern. Aber Sonne, Wind, Meer und Sand, Dünen, Vögel … Vögel, die im Wind an den Dünen soaren … mehr braucht es nicht. Ich liege am Strand, der Wind bläst mir den Sand in die Haare, ich lese weiter in Capitalism: A Global History, schlummere ein, wache auf, schaue aufs Meer … ein Lieblingsort.

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