Freitagnachmittag wechsle ich mit Emi ein paar Nachrichten. Mit ihm habe ich gemeinsam Abitur und auch mal ein bisschen Musik gemacht. Anders als ich war er damals schon Musiker und hat die Musik zu seinem Beruf gemacht. Er hat fünf Jahre in Scheveningen gelebt, bevor er wieder nach München gezogen ist. Auch er segelt gerne und hat sein Boot Kalypso in Volendam, nördlich von Amsterdam. Für das Wochenende ist er in den Niederlanden und am schönsten wäre es, sich mit den Booten zu treffen. Mit der immer noch in Wartung befindlichen Schleuse bei Kornwerderzand, mir auf der Nordsee, ihm auf dem Markermeer und mit seinem Ticket für den Nachtzug am Sonntag zurück nach München gibt es keinen realistischen Treffpunkt mit den Booten. Kurzentschlossen: Wir treffen uns in Lelystad. Eine Stadt, die in meinem Leben immer wieder vermittelt aufgetaucht ist. Eine Stadt, die 1967 gegründet und auf Schreibtischen geplant wurde. Eine Stadt, die er mit Kalypso segelnd und die ich von Vlieland öffentlich gut erreichen kann.
Samstag erst auf die kleine Fähre nach Harlingen, dann den Zug nach Leeuwarden, umsteigen in den Zug nach Den Haag, bis Lelystad. Es ist ein heißer Sommertag. Entlang der Bahnstrecke sind die zahllosen Seen und Kanäle, Kinder, die Sprungbäume und Schwungseile haben. An den vielen Bahnübergängen stehen in der Regel mehr wartende Radfahrer als Autos. (Ich hätte es schon öfter erwähnen können – warum also nicht jetzt? Eine kleine Kulturdifferenz zwischen Süddeutschland und den Niederlanden: Hier wird deutlich mehr Fahrrad gefahren, geschenkt. Der Unterschied: Niemand trägt einen Helm beim Radfahren.)
Die Landschaft fliegt vorbei, Musik im Ohr. In Zwolle steigt eine Gruppe von auffallend orange gekleideten Menschen ein. Die meisten scheinen Paare in meinem Alter zu sein. Sie sind mit den wohl obligatorischen Wegbieren auf dem Weg nach Amsterdam, um Fußball zu schauen. Auf dem Landweg holt mich die WM also doch noch ein. Nächster Halt: Lelystad. Planstadt. Weitläufig, sehr viel Grünfläche, wahrscheinlich auch deswegen als Stadt nicht greifbar. Ob es aus Sicht eines Stadtplaners erfolgreich war oder nicht, weiß ich nicht.
Als ich im Bataviahaven ankomme, ist Emi noch dabei, die Festmacher auszubringen. Gutes Timing. Witzig, ihn hier zu sehen, ihn Niederländisch sprechen zu hören. Abgesehen von der Kuriosität eines Amphibienfahrzeugs, das, mit Positionslichtern und Klampen wie ein Schiff ausgerüstet, durch den Hafen fährt, ist es einfach ein guter Abend. Es ist dunkel und ruhig im Hafen, als uns die Vernunft dazu überredet, endlich mal in die Kojen zu gehen.
Nach dem Frühstück mache ich mich leicht übernächtigt auf den Weg zum Bahnhof. Im Zug wird mir bewusst, wie sehr ich es schätze, nur mit dem kleinen, leichten 20-Liter-Rucksack unterwegs zu sein. Ich bin gerne mit sehr leichtem Gepäck unterwegs. Auf Skidurchquerungen, genauso wie auf Reisen. Mit dem kleinen Rucksack könnte ich jetzt auch noch fünf Tage unterwegs sein. Diese Leichtigkeit hat mir die letzten Wochen gefehlt. Klar, mit dem Boot unter Segeln, das ist faszinierend, eine bestimmte Art von Freiheit. Aber ein ganzes Boot, zehn Meter, sechs Tonnen, immer abhängig vom Wetter – das ist anders als der kleine, leichte Rucksack.
Als ich in Vlieland von der Fähre zu Koraki gehe, fühlt es sich an, wie wieder nach Hause zu kommen.
