Enkhuizen hat die Klarheit gebracht, die ich brauchte. Es hat ein paar Tage gedauert. Mit all den Verzögerungen, Mitte Juni, und ich bin in den Niederlanden. In zehn Wochen in den Südwesten Englands, die Westküste hoch, durch die Hebriden zu den Shetlands, nach Bergen und dann vor den Septemberstürmen wieder in der Ostsee sein? Vielleicht wäre das möglich, aber wenn, dann nur im reinen Delivery-Mode. (Delivery meint beim Segeln passenderweise das Überführen eines Bootes von A nach B gegen Bezahlung in einer bestimmten, meist knappen Zeit.)
Wäre es jetzt Anfang Mai – eine andere Geschichte. Aber so wäre es nur ein fortwährendes: Weiter, weiter, weiter. Keine Zeit einfach mal irgendwo da zu sein und zu gucken, zu lauschen. Das mag für eine bestimmte Zeit Spaß machen. Aber zehn Wochen am Stück: Die Vorstellung weckt keine Lust.
Den ambitionierten Plan, bei dem es nie eine Garantie auf „Gelingen“ gab, loszulassen, war nicht einfach. Jetzt, wo es passiert ist, fühlt es sich aber gut an. Raus aus der Überforderung, rein ins Genießen. Ein Alternativplan ist bereits im Kopf. Die ersten Schritte davon: Noch ein paar Tage im Sand auf Vlieland entspannen und dann – so der Plan – geht es erstmal zurück gen Osten. Schritt zurück in die Ostsee nach der guten Zeit in den Niederlanden und auf der Nordsee.
Jetzt also nochmal Harlingen. Wohl der kurioseste Segeltag, den ich dieses Jahr hatte. Morgens hatte ich mein Ablegen in Enkhuizen so geplant, dass ich in Kornwerderzand (der Schleuse zur Nordsee) bei Hochwasser durchkomme, um dann noch eine Stunde gegen den Strom und dann durch das Wattenmeer mit dem Vliestrom nach Vlieland durchzurutschen. Beim Ablegen selbst kamen die fünf Windstärken direkt aus Osten seitlich aufs Boot und machten das Ablegen etwas „technischer“ als gewöhnlich. Aus dem Hafen draußen, stampfte Koraki erstmal in die steile IJsselmeerwelle, kaum waren beide Segel im ersten Reff gesetzt, ging es dann auf Halbwindkurs (Wind von der Seite) sehr zügig los. Richtig schönes Segeln, bei dem dann zumindest bei mir schon auch mal die Augen feucht werden. Immer wieder ergreifend, diese Momente, wenn der Wind bläst und rundum nur Wasser ist. Ich auf Koraki, die mit ihren sechs Tonnen zügig durchs Wasser zieht.
Abgesehen von den tückischen Lobster-Pots, die auch im IJsselmeer lauern, gibt es sonst keine besonderen Vorkommnisse.

Etwas früher als gedacht komme ich dann nach Kornwerderzand und wundere mich über die große Zahl an Masten. Das wahre Ausmaß erschließt sich mir aber erst, als ich um den Deich gefahren bin: Stau an der Schleuse. Stop and Go. Wie Blockabfertigung am Autotunnel. Anlegen, mit dem nächsten Schwung ablegen und etwas weiter vorne anlegen. Fünfmal machen wir das Spiel, bis ich auch in die Schleuse kann. Dreieinhalb Stunden im Stau. Ich wusste nicht, dass es so etwas gibt. Die einen verlieren ihre Nerven, die anderen behalten ihren Humor. Schleusenkino in voller Ausprägung. Menschliches und allzu menschliches eben. Erst jetzt erfahre ich, dass die Schleuse aufgrund von Reparaturen ab morgen für eine Woche zu hat. Deswegen wollen noch alle raus auf die Nordsee.
Mit dem Stau ist aber auch klar, dass ich den Strom nach Vlieland nicht mehr bekomme und es nach der Schleuse nur noch nach Harlingen geht. Im Noorderhaven dort gehe ich auf Päckchen, treffe einige aus dem Stau wieder. Mein Bootsnachbar ist mit seinem Sohn unterwegs. Auch er ein Liebhaber Englands. Und es ist schön über das Segeln in England zu reden. Auch wenn klar ist, dass es dieses Jahr nix wird mit England.