Beim zweiten Mal durch den Kiel-Kanal wird er nicht aufregender. Ja, es ist der meistbefahrene Kanal der Welt. Und ja, die großen Schiffe, die da so wenige Meter an einem vorbeiziehen, sind beeindruckend. Aber es ist eben auch einfach nur klanglose neun Stunden Motoren, um von der Nord- in die Ostsee zu kommen oder umgekehrt. Was heute anders ist als beim letzten Mal: Mir kommen viele Tall-Ships, große Traditionssegler entgegen.
An der Schleuse in Kiel-Holtenau sind sie wieder freundlicher als in Brunsbüttel und sie schleusen uns drei wartende „Sportler“ – ihre Bezeichnung am Funk für Segel- und Motorboote unter 30 Meter (amtliches Deutsch: „Sportboot“) – in einem eigenen Gang ohne Berufsschifffahrt durch.
In Kiel, auf der Kieler Förde, zeigt sich mir das Bild wie jedes Mal: Zwischen den großen Fähren nach Norwegen oder Schweden, den Kreuzfahrtschiffen ist es voll mit Segelbooten. Am Rand der Förde die Kinder mit ihren Optis. Mittendrin manche gemütliche Segelboote, andere im Regatta-Modus, alle scheinen an einem sommerlichen Montagnachmittag zu segeln. Vermutlich, denke ich mir, zwei, drei Stunden Segeln nach der Arbeit.
Kiel. Wenn es eine Hochburg des Segelns in Deutschland gibt, dann ist es hier. Ich weiß gar nicht, wie es ist, in Kiel groß zu werden und nicht zu segeln. Wahrscheinlich, wie im Wallis groß zu werden und nicht in die Berge zu gehen. Wie es wohl sein muss, hier groß zu werden und als Kind zu segeln, als Jugendlicher nachmittags rauszugehen, die Förde zum ersten Mal zu verlassen, raus auf die Ostsee, nach Dänemark, Schweden, das erste Mal durch den Kiel-Kanal auf die Nordsee …
Kiel ist vermutlich das deutsche Pendant zu Cowes auf der Isle of Wight. Der Kieler Yacht-Club (ehemals Kaiserlicher Yacht-Club) das Pendant zur Royal Yacht Squadron in Cowes. Die Kieler Woche das Pendant zur Cowes Week. In Cowes war ich 2018 unzählige Male. Und es fühlt sich ähnlich an hier. Hier trifft sich ein Klischee mit der Wirklichkeit. Vor allem in Regionen, in denen Segeln fern scheint, hält sich das Klischee, dass Segeln vor allem etwas mit Geld und Status zu tun hat. So wie es Yachtclubs, die die Majestät schon im Namen tragen, bestätigen. Aber die Wirklichkeit vor Ort ist eine andere. Am krassesten von mir bisher in der Bretagne erlebt: Vermeintlich abgehalfterte Boote, auf denen sich hervorragende Segler auf anspruchsvolle Törns machen. (Aber wie sollte es in der Bretagne auch anders sein? Zumindest in Europa gibt es vermutlich keine forderndere Region zum Segeln.)
Und hier in Kiel: Als ich die Hafenbecken in Düsternbrook nach einem freien Platz absuche – ins Hafenbecken rein, umkehren, nächstes Becken absuchen – fällt es auch sofort auf: Normale, ehrliche Boote. Manche größer, manche kleiner. Beim dritten Versuch habe ich einen freien Platz gefunden, lege an. Ein älterer Herr will die Leinen entgegennehmen und er lacht kurz, als er sieht, dass ich niemanden habe, den ich zu ihm vorne zum Bug schicken könnte, um ihm die Leinen zu reichen. Als ich hinten fertig bin, Koraki noch in die Heckleinen eindampft, stabil in der Box steht und ich nach vorne zum Bug komme und ihm die Leinen reiche, fangen wir an ein bisschen zu schnacken. Das Übliche. Woher ich komme. – Ah, aus den Niederlanden. Dass es mit England nichts geworden ist, dieses Jahr. Naja, England läuft Ihnen nicht weg. Machen Sie halt nächstes Jahr. … Ein netter Plausch. Ein Plausch, der sich anfühlt wie das Gespräch auf einer Hütte in den Bergen. Vertraut. Bekannt. Zu Hause.
Wie sich etwas später herausstellt, war bis gestern die Kieler Woche. Daher also die ganzen Tall-Ships auf dem Kiel-Kanal. Glück, dass ich erst heute durch den Kanal gefahren bin. Gestern hätte ich hier in Kiel keinen Liegeplatz bekommen. Der Ausblick auf die nächsten Tage: Am Mittwoch kommt Richard aus England. Ab Donnerstag, vor allem dann Freitag und Samstag, ist hier erstmal ein ausgemachter Sturm vorhergesagt.