27. Juni 2026

Segeltrimm im leuchtenden Meer

Schwachwindregatta. Ein Belgier, der mich am Funk zum Lachen bringt. Meeresleuchten. Sonnenaufgang und ein Mayday Relay.

7 Min. Lesezeit Brunsbüttel 053°54′N · 009°09′E
Meeresleuchten auf der Nordsee.
Meeresleuchten auf der Nordsee.

Nachts draußen auf See, die Zeit zwischen Sonnenuntergang und -aufgang liebe ich. Es wird ruhig in mir. Die Wahrnehmung auf die Bewegung des Boots im Meer, die wenigen Lichter der Tonnen am Horizont zur Navigation und den Nachthimmel, Mond und Sterne reduziert. Was heute dazu kam, war das Meeresleuchten. Kleine Organismen, Algen meistens, die bei Strömungswechseln anfangen zu leuchten. Biolumineszenz. Die Bugwellen leuchten. Es passiert häufiger, als man vielleicht denkt. Ich habe es trotzdem vier Jahre nicht gesehen. Es kommt und geht, immer wieder, über Stunden leuchten die Bugwellen Korakis.

Ich bin in Gedanken. Die Reise. Wieder einmal der Traum, der auftaucht, der immer noch da ist, auch wenn er nicht dieses Jahr passiert. Einmal rund um England. Und dann aber auch zurück zum heutigen Morgen: Um kurz nach vier mussten wir aufstehen, da die beiden Boote, an denen wir im Päckchen liegen, um fünf aufbrechen wollen. Päckchen auflösen, ablegen, im Hafenbecken warten, warten, bis die beiden anderen Boote abgelegt haben und wieder anlegen. Und ab ins Bett nochmal eine Mütze Schlaf. Um neun bin ich wach, stehe auf. Um kurz nach elf legen wir ab. Das Segel im Hafen hoch und raus auf das Ems-Fahrwasser. Die Tide mit uns. Wie prognostiziert, ist der Wind schwach, aber erstmal genug, um zu segeln. Am frühen Nachmittag reicht der Wind nicht mehr und wir müssen motoren. Um spätestens acht in der Früh müssen wir in der Elbe sein, um die Tide noch mit uns zu haben. Während der Motor läuft, passiert uns Neuwerk, ein großes Schiff der deutschen Küstenwache. Ich habe Sorge, dass Martin noch einen Tag unter Motor erlebt, wo er doch hier ist, um zu segeln. Kurze Zeit später meldet sich der Funk.

– Neuwerk, Neuwerk, this is sailing vessel Red Zeal. Over.
– Red Zeal this is Neuwerk. Over.
– Neuwerk, this is Red Zeal, change to channel zero six, please. Over.

Ich muss schmunzeln, will mithören, auch wenn eavesdropping eigentlich nicht höflich ist und wechsle auch auf Kanal 06.

– Neuwerk, this is sailing vessel Red Zeal.
– Red Zeal, this is Neuwerk, over.
– Neuwerk, can you see me? I’m on your starboard side.

Kurze Pause

– Red Zeal, I can see you on my starboard side. Over.
– Neuwerk, what are your intentions?
– Red Zeal I will change my course and will pass port to port.
– Neuwerk. Thank you. Have a nice watch.

Martin und ich sitzen im Cockpit und lachen. Funkt das kleine belgische Segelboot das große Schiff der deutschen Küstenwache an und weist ausgerechnet die Küstenwache darauf hin, dass sie ausweichpflichtig ist. Good call.

Eine gute Stunde später ist wieder genug Wind da. Motor aus. Segel trimmen, um das Maximum aus dem wenigen Wind zu holen. 4 Knoten durchs Wasser. Das sollte reichen, um rechtzeitig mit der passenden Tide in der Elbe zu sein. Die nächsten Stunden passen zum Spruch, dass zwei Segelboote unterwegs mit dem gleichen Ziel immer eine Regatta sind. Red Zeal kam schon mit uns von Vlieland nach Borkum. Sie haben heute Vormittag eine halbe Stunde vor uns abgelegt. Ich habe dem Skipper noch zugerufen: Heading for Cuxhaven? – No, for Brunsbüttel. – Oh, so we’ll see each other again tomorrow. Seit dem Moment war klar, dass ich natürlich versuchen werde, vor ihnen da zu sein. Nicht verbissen und um jeden Preis, aber so eine kleine Herausforderung schadet nicht. Red Zeal ist um das sogenannte Borkum Riff herum gefahren, wir haben abgekürzt (das Borkum Riff – klingt wilder als es ist. Es handelt sich dabei um eine weit hinausragende Sandbank, die bei Hochwasser aber mehr als ausreichend Wasser hat, um auch mit 1,80 m Tiefgang durchzusegeln). Seitdem sind wir etwas voraus. Als es wieder genug Wind zum Segeln gibt, ist dementsprechend bei mir die Motivation groß, auch unter Segeln zu bleiben. (Unter Motor ist es einfach keine Regatta.) Es vergeht keine halbe Stunde, in der ich nicht nachtrimme, versuche wieder einen halben Knoten Geschwindigkeit herauszuholen. So gehen die Stunden dahin in der brennenden Sonne dieser viel besprochenen Hitzewelle. Der Abstand zu Red Zeal vergrößert sich, langsam aber kontinuierlich.

Es ist gut, mit Martin hier unterwegs zu sein. Unser Modus auf See ist ähnlich wie auf unseren Hike & Fly Touren. Mal ein Stück zusammen, im Gespräch vertieft. Dann wieder jeder für sich. Sei es in Gedanken, mal unter Deck beim Lesen. Dann wieder ein Stück zusammen. Als die Sonne schon recht tief steht, geht Martin unter Deck und kocht uns eine Pasta Caprese.

Während wir im Cockpit zu Abend essen, geht die Sonne unter. Guter Moment, um The Alan Parsons Project’s Eye in the Sky zu hören. Als die Sonne schon weg ist, nähern wir uns Jade und Weser. Wir müssen dreimal großen Schiffen ausweichen. Dann wird es ruhig und dunkel und das Meer fängt an zu leuchten.

Meeresleuchten in der Bugwelle Korakis.
Meeresleuchten in der Bugwelle Korakis.

Nach all den vielen Nächten auf See in unterschiedlichsten Bedingungen fällt es mir immer noch schwer, auf den Punkt zu bringen, was es ausmacht, nachts auf dem Meer unterwegs zu sein. Martin spürt es auch. Vielleicht ist es dieses Gefühl von Nichts um sich herum. In einer Nacht wie heute, relativ warm, friedlich, wird es trotz der Müdigkeit nicht langweilig, einfach nur auf das Meer, das Wasser, in die Dunkelheit, in dieses Nichts zu schauen, während sich Koraki einfach immer weiter durchs Wasser bewegt.

Wir kommen in Richtung Elbe. Unter der Elbe stellt man sich meistens einen Fluss vor. In der Vorstellung mag dieser Fluss groß, vielleicht sehr groß sein. Aber diese Vorstellung entspricht nicht dem riesigen Wattenmeer, der bis über den Horizont reichenden Breite der Elbmündung, in die man einfährt, wenn man in die Elbe möchte. Hier fängt es an zu dämmern, die Sonne hebt sich über den Horizont und wir sehen zwischen den Sandbänken des Wattenmeers Kegelrobben, Schweinswale tauchen kurz auf, um Luft zu holen. Im Himmel fliegen Möwen, vor der aufgehenden Sonne. Was ein Sonnenaufgang auf der Elbe.

Es wird bis mittags dauern, um an die Schleuse bei Brunsbüttel zu kommen. Ein gutes Stück vor Cuxhaven ist der Wind dann weg und wir werfen die Maschine an. Als wir dann vor der Schleuse bei Brunsbüttel über eine Stunde warten müssen, wird die Müdigkeit richtig merkbar. 24 Stunden auf See ohne Schlaf hinterlassen einfach Spuren. Es wird nicht besser ohne Wind und bei 37 Grad.

Alarm am Funkgerät. Noch einmal wird der Kopf zu voller Aufmerksamkeit gerissen. Ich gehe runter und dann geht es auch schon los. Eine angespannte Stimme:

– Mayday Relay, Mayday Relay, Mayday Relay. This is Lyngby Radio. Mayday.

Es ist das vierte Mal in meinem Leben, dass ich einen Mayday über VHF empfange. Es ist auch dieses Mal ein Moment, in dem ich von einer Sekunde auf die nächste vollkommen wach, vollkommen da bin. Das sprichwörtliche „Blut, das in den Adern gefriert.“ Und auch jetzt, wo ich es einfach nur nacherzähle, muss ich schwer schlucken. Hand zum Stift, Papier.

– Mayday. Sailing Vessel Allegro, in Position five zero degrees, … die Koordinaten ausbuchstabiert durch Lyngby Radio, die dänische Küstenfunkstelle. Alle, wirklich alle, die das gerade empfangen, eilen zum Funkgerät, und schreiben die Koordinaten mit, um sie mit den eigenen Koordinaten abgleichen zu können.

– Man overboard.

Phew. Ich weiß zu diesem Zeitpunkt, dass wir nicht helfen können. Das ist viel zu weit weg. Ich bin sogar überrascht, dass ich Lyngby Radio überhaupt empfangen konnte.

– All vessels close to this position are requested to … die jahrhundertealte Tradition, Gesetz in der Seefahrt, ganz gleich ob Berufsschifffahrt oder Freizeitsegler. Alle, die in der Nähe sind, sind verpflichtet, Hilfe zu leisten. Und wenn es im einsamen Südpazifik ist, dass ein Segelboot Schiffbruch erleidet … das 400-Meter-Containerschiff wird den Kurs ändern, wird umdrehen, auch tagelang zum Unglücksort fahren, wenn das erforderlich ist, um Hilfe zu leisten.

Dann wird es still im Funk, einfach zu weit weg. Vielleicht ist genau das die See: Eben noch dieses Gefühl von Nichts um sich herum, allein in der Dunkelheit – und doch im selben Moment jedem Boot da draußen verbunden, verpflichtet zu sein.

Kurz darauf öffnet sich die Schleuse. Wir machen im Binnenhafen von Brunsbüttel fest. Martin wird morgen Früh mit dem Zug zurück nach München fahren. Für mich geht es übermorgen weiter nach Kiel.

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