Grau in Grau, kaum ein Segel am Horizont. Um sechs Uhr, als wir den Hafen verlassen haben, war es noch ruhig – jetzt, am Vormittag, drücken solide fünf Windstärken in die Segel, und es legt beständig zu. Für den Abend sind sieben bis acht angesagt, für morgen Früh Böen bis neun. Durchaus das, was man hier oben einen Sturm nennt. Das Zeitfenster vor dem Sturm wollen wir nutzen, bevor der Wind zu viel wird.
Wir, das sind Richard und ich. Er kam gestern aus London nach Kiel. Wir sind schon eine ganze Menge zusammen gesegelt und wir wollen in den nächsten Tagen Richtung Norden. Und zu zweit als eingespieltes Team sind die Möglichkeiten andere als alleine.
Es ist ein anderes Segeln als bisher dieses Jahr. Zum ersten Mal das Ölzeug an, zum ersten Mal Koraki ein bisschen pushen. Wir segeln einen Raumwindkurs, das gibt uns die Möglichkeit, die Wellen, die von schräg hinten kommen, zu surfen. Man muss nicht hinsehen, man spürt es am Ruder. Der Druck geht kurz weg, das Heck hebt sich leicht, leicht anluven und Koraki beschleunigt, rauscht die Welle hinunter, der Druck am Ruder ist wieder weg, leicht abfallen und die nächste Welle kommt. 9,7 Knoten über Grund macht Koraki im Surf. Das ist schnell. Sehr schnell. Wäre ich alleine, hätte ich schon das zweite Reff eingebunden. Zu zweit ist so viel mehr kontrollierter Platz für Fehler, für Unvorhergesehenes, dass es einfach nur ein Genuss ist, in diesem Wind mit mehr Druck im Tuch zu segeln. Der Regen spielt dann keine Rolle mehr, ist einfach Teil des Segelns im Norden bei Starkwind.
Um 13:15 Uhr machen wir im kleinen Hafen von Spodsbjerg an der Ostküste der Insel Langeland fest. Ein Hafen, der vor allem von einer Fähre, ein paar Fischern und den dänischen Lotsen benutzt wird. Ein kleiner verschlafener Ort, der mich an meine Vorstellungen von Wildwest-Dörfern erinnert. Ein paar Häuser an einer Straße entlang. Ein Supermarkt, ein Hafen, ein Café, das der Saloon sein könnte. Mehr nicht. Ein gutes dänisches Hotdog zum Mittagessen und zurück im Hafen sehe ich Koraki und bilde mir ein, ihr Lächeln sehen zu können. Ihr hat der Tag gefallen. Endlich ein Tag, an dem sie ein kleines Work-Out hatte.
