Von Lauwersoog nach Harlingen geht es durch die schmalen Kanäle Frieslands, immer wieder mal nur mit 20 cm Wasser unterm Kiel und durch unzählige Klappbrücken. An den Klappbrücken wird die eine Herausforderung des Einhandsegelns greifbar.
Vor den Brücken gibt es jeweils einen Wartesteg. Man legt kurz an, geht von Bord, drückt einen Knopf, woraufhin ein paar Minuten später das Signallicht an der Brücke von Rot auf Grün und Rot wechselt, sich die Schranken an der Brücke senken und die Brücke aufklappt. Zeit abzulegen, das Licht wechselt auf Grün und man fährt am besten zügig durch die geöffnete Brücke, damit Rad- und Autofahrer nicht so lange warten müssen.
Wäre man zu dritt: völlig harmlos. Eine Person am Bug, eine am Heck und eine am Steuer. Das Boot stoppt auf, vorne und hinten werden kurz zwei Leinen festgemacht. Alleine hingegen kann ich nicht gleichzeitig vorne und hinten sein. Das Problem: Sobald das Boot am Steg aufgestoppt ist, verbläst der Wind den Bug des Boots. Würde man nichts tun, stände man innerhalb kürzester Zeit quer zum Steg. Man legt sich Techniken zurecht, die mit Leinen nur aus dem Cockpit das Boot stabil am Steg halten. Meine: Schiff aufstoppen, eine Leine, die über die Mittschiffsklampe läuft, aus dem Cockpit über den Poller am Steg werfen. Langsam in diese Leine unter Motor eindampfen, das Ruder so stellen, dass Druck der Schiffsschraube und Mittschiffsleine das Boot parallel zum Steg halten. Dann noch eine Heckleine über den gleichen Poller werfen, um dem Boot später beim Ablegen einen kurzen Impuls weg vom Steg geben zu können. Knopf für die Brücke drücken …
Für Nichtsegler mag das wenig greifbar sein. Die Quintessenz: Es fordert einen lückenlosen Plan und Konzentration und ist, sobald etwas mehr Wind ins Spiel kommt, jedes Mal stressig. Auch wenn es wie im selbst gedachten Lehrbuch läuft, Stress ist damit jedes Mal verbunden. Einfach, weil man nicht vorne und hinten gleichzeitig sein kann. Einfach, weil es eine Hand zu wenig ist.
Bis Leeuwarden sind es vielleicht zwanzig Brücken. Man übt sich, aber die Anspannung bleibt.
In Leeuwarden bleiben Markus und ich für die Nacht. Hier bestätigt sich für mich wieder mein positives Bild der Niederlande. Ähnlich wie in Dänemark denke ich auch hier immer wieder: Cooles Land, coole Leute. Es ist schwer, den Finger darauf zu legen. Bei den Häusern und Straßen scheint mir alles etwas kleiner, aber mit mehr Liebe zum Detail. Für mich als jemand, der in München 365 Tage im Jahr mit dem Fahrrad fährt, ist es eine Freude zu sehen, dass, ganz dem Ruf gerecht, hier einfach alle mit dem Rad unterwegs sind. Und auf der Straße sind Wohlstandsunterschiede weniger sichtbar, als ich es aus München kenne. Ich fühle mich wohl hier.
Was vermutlich auch dazu beiträgt: Zumindest die geschriebene Sprache wirkt wirklich so, als ob das Deutsche nur eine Lautverschiebung entfernt wäre. Und sie erinnert mich an eine Zeit, als ich Jostein Gaarders De wereld van Sofie in Montpellier auf Niederländisch gelesen habe.

Abends gehen Markus und ich in Leeuwarden essen. Am nächsten Tag kommen seine Eltern zu Besuch. Ich fahre weiter nach Harlingen. Dort werden wir uns wieder treffen. – Nochmal durch ein Dutzend Brücken lege ich mittags in einem schönen kleinen Hafen in Harlingen an. Schöne kleine Stadt. Grachten, alte Häfen und es ist Zeit für eine ordentliche Portion Poffertjes. Was mir immer wieder mit jungen Niederländern, beispielsweise im Café, passiert: Ich spreche sie auf Englisch an, sie antworten auf Niederländisch. Im Kontext verstehe ich genug, antworte auf Englisch und sie wiederum auf Niederländisch. Ich frage mich, ob Niederländisch und Englisch als Sprachen für sie so selbstverständlich sind, dass sie vielleicht gar nicht merken, dass ich Englisch gesprochen habe?
Am Freitag kommt der nächste Besuch. Jan, mein alter Kompagnon, kommt aus Köln für ein Wochenende zum Segeln.