Ein Schlauchboot längsseits an einem Segelboot. Im Boot sitzt ein Mensch mit einem A2P3 Atemschutz und Schleifmaschine in der Hand. Vielleicht 20 Zentimeter über der Wasserlinie schleift er am Rumpf das GFK. Das Bild ist mir aus Videos von Menschen vertraut, die Monate, nein, jahrelang mit ihrem Boot in der Welt unterwegs sind.
Gestern saß ich im Schlauchboot, nicht irgendwo in der Welt, sondern in Kappeln, dieser netten und strukturschwachen Kleinstadt nah an der Mündung der Schlei. Gerade einmal zehn Meilen von Brodersby entfernt. Ich habe es gestern, am ersten Tag, am Tag des Aufbruchs unglaublicherweise geschafft, meinen ersten Unfall mit einem Segelboot zu verursachen. Der Kontrahent: kein Boot, sondern ein Pfahl; genau genommen ein betongefüllter Stahlpfeiler mit etwa einem Meter Durchmesser, der hinter der behelfsmäßigen Brücke bei Lindaunis steht. Wie ich den übersehen konnte, ist mir immer noch ein Rätsel. Ganz sicher hatte ich nicht die für’s Segeln immer und ausnahmslos notwendige situational awareness. Jedenfalls konnte ich im letzten Moment dank Kathrins Aufmerksamkeit noch abdrehen und Koraki ist mit ihrem Bauch backbordseitig an dem Pfahl entlanggeschrammt. Der Stahl des Pfahls hat das Gelcoat bis vier Millimeter in das GFK hinein auf einer Fläche von etwa 10 x 10 cm entfernt.

Blaues Auge? Was für ein Anfang der Reise? Weckruf? Oder mit ein paar Stunden Abstand noch einmal die Erinnerung daran, dass Segeln nur zu 50% eigentlich Segeln und zu 50% die fortwährende Instandhaltung des Bootes ist?
Nach der Kollision, als klar war, dass der Schaden eine tiefe Schürfwunde ist – nichts, das ein Schiff wie Koraki nachhaltig beeindrucken würde, aber doch eben auch nichts, das man einfach ignorieren kann – segelten wir entspannt die Schlei hinunter, an Arnis, seiner Werft und kleinen Fähre vorbei, bis in die Hafenanlagen von Kappeln, um 12:40 durch die Klappbrücke hindurch in den Stadthafen, wo ich wusste, dass die Liegeplätze breit genug sind, um mit dem Schlauchboot neben dem Boot zu arbeiten und Skips, der nächste gut ausgestattete Laden für Schiffszubehör nur 300 Meter entfernt ist.
Noch einmal die kleinen Epoxy- und Glasfaser-Vorräte aufgefrischt, wurde die erst sauber verräumte Werkstatt geöffnet: Schleifmaschine, Aceton, Peel-Ply, Glasfaser, Epoxy, Atemschutz, das gute blaue Masking Tape, Laminierroller, Becher, Holzspatel zum Messen und Mixen des Epoxy. Kathrin hat an Deck die Werkstatt, die Glasfaser-Matten, das Epoxy. Rührt den Primer an, während ich im Schlauchboot bin und schleife, laminiere. Alleine wäre das umständlich bis unmöglich gewesen.
Heute Mittag sind wir nach Schleimünde gefahren, liegen vor Anker und wieder aus dem Schlauchboot heraus Schleifen, Grundieren, Lackieren. Inzwischen eingespielt. Nach der Arbeit am Rumpf ist es ein schöner Abend. Aber wie soll er auch anders sein, vor Anker, umgeben vom Wasser, Blick auf den Sonnenuntergang. – Abende vor Anker gehen selten vergessen. Morgen in der Früh nochmals schleifen und lackieren vom Schlauchboot aus.

Es bleibt auch jetzt, einen Tag später die Frage, was ich (mir) aus diesem Unfall mache? Generell ergibt sich beim Segeln die Notwendigkeit des nächsten Schritts aus dem Moment heraus. Etwas passiert, der Wind, das Wetter ändert sich, etwas am Boot braucht Aufmerksamkeit und man reagiert, hoffentlich angemessen und mit Überblick. So sind wir heute nicht unterwegs auf dem Kiel-Kanal, sondern ankern auf der Schlei. Der Plan zur Reparatur der tiefen Schürfwunde scheint mir angemessen – und doch, doch bleibt da die erste Erfahrung eines Auffahrunfalls, die ich mit einem Segelboot hatte, als einprägsame Erinnerung stehen: Die situational awareness ist beim Segeln einfach immer und unbedingt erforderlich.
Morgen Mittag wollen wir nach Kiel.